Dieser Quantenphysiker sagt treffsicher Abstimmungen voraus: Auch zur 10-Millionen-Schweiz?

In der Vergangenheit lag ein Freiburger Quantenphysiker mit seinen Abstimmungsprognosen zu 93 Prozent richtig. Nun will er auch wissen, wie die Stimmberechtigten am 14. Juni abstimmen werden.

Er hat das Scheitern der Halbierungsinitiative vorausgesehen, und nun prognostiziert er auch ein Nein für die Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz». Der Freiburger Sébastien Perseguers trainiert seit fünf Jahren einen Algorithmus, der die Resultate eidgenössischer Abstimmungen mit einer erstaunlichen Präzision berechnet. Bei 43 von 46 Abstimmungen seit 2021 lag er mit seiner Vorhersage richtig. Die Trefferquote liegt bei 93 Prozent.

Perseguers Modell sagte schon ein Nein für die 10-Millionen-Initiative voraus, als es in den Umfragen noch nach einem Ja aussah. Nun, wenige Tage vor der Abstimmung, prognostiziert es 55,7 Prozent Nein-Stimmen bei einer Stimmbeteiligung von 52 Prozent. Die einzigen drei Kantone, die die Initiative annehmen würden, wären Obwalden, Thurgau und Appenzell Ausserrhoden. Die Wahrscheinlichkeit dieses Ergebnisses berechnet das Modell auch gleich selbst: Sie liegt bei 83 Prozent.

Das muss alles nichts bedeuten, es sind ja lediglich Vorhersagen. Nur ist Perseguers Algorithmus schon so oft richtig gelegen, dass sich seine Daten kaum wegdiskutieren lassen. Umso überraschender ist das Ganze, weil Abstimmungsprognosen eigentlich gar nicht in sein Portfolio passen. Perseguers ist Doktor der Quantenphysik, ein Grundlagenforscher, und noch dazu kein besonders politischer Mensch, wie er sagt. Wie kann ein Mann, der sich ein Leben lang mit den kleinsten Teilchen und grössten Geheimnissen der Materie beschäftigt, plötzlich zu einem derart zuverlässigen Abstimmungsorakel werden?

Von der Uni in die Praxis

Perseguers sitzt in einem Sitzungszimmer der Bluefactory. Das ist ein zum Innovationsquartier umfunktioniertes altes Fabrikgelände gleich neben dem Bahnhof Freiburg. Hier befinden sich moderne Kubus-Gebäude, in die alle Arten kreativer Leute eingemietet sind. Im Kubus hinter dem künstlich angelegten, aber natürlich aussehenden Teich befindet sich Perseguers Büro.

Von hier aus entwirft er neue mathematische Theorien und Algorithmen für die Uhrenindustrie, in der Umweltwissenschaft, im Bereich des Quantencomputings oder der Militärtechnik. Heisst: Einem Entwicklerteam hat er geholfen, die Geräuscherkennung in Verteidigungssystemen zu verbessern. Oder: Jede Uhr eines Luxusherstellers, die die Fabrik verlässt, geht durch ein Programm von Perseguers, das anhand von Klängen erkennt, ob sie den Qualitätsstandards entspricht.

Damals, nach seinem Doktorat – «verrückte Gleichungen an Wandtafeln lösen» – ist er von der Universität in die Industrie gewechselt. Um als Theoretiker in der Praxis etwas beitragen zu können, brachte er sich bei, Code zu schreiben, Algorithmen zu bauen und Systeme zu modellieren. «Es fasziniert mich, abstrakte Ideen umzusetzen», sagt er. «Auf eine robuste, präzise, verlässliche Art.» Er gründete seine Einzelfirma Gradiom.

Prognosen stossen auf Interesse

Quantenmechanik, Ingenieurswesen, theoretische Physik. Perseguers arbeitet also in einem hochkomplexen Bereich, in dem höchste Präzision gefragt ist. Eine Abstimmungsprognose ist im Vergleich dazu lächerlich ungenau. Darüber schmunzelt er selber. Er wollte sich neue Fähigkeiten aneignen, sagt er. Und begann, sich für Prognosen zu interessieren. Das ist das Gute am Selbständigsein: «Ich habe auch mal Zeit für Projekte, die kein Geld reinbringen, mir dafür aber neue wissenschaftliche Werkzeuge liefern, die nützlich sein könnten.»

Was könnte er also vorhersagen? Das Wetter? Er suchte nach Datensätzen und wurde schliesslich bei Abstimmungsdaten des Bundesamts für Statistik fündig. Das war aus mehreren Hinsichten praktisch. Erstens bereitet das Bundesamt für Statistik seine Daten sorgfältig auf. Deswegen sind sie besonders interessant. Das Suchen und Bereinigen von Daten, mit denen sich ein Modell füttern lässt, ist mühsame und zeitfressende Arbeit.

Zweitens finden Abstimmungen alle vier Monate statt. Ein Rhythmus, der sich gut mit Perseguers eigentlicher Arbeit vereinbaren lässt, wie er sagt. So lässt sich das Modell auch regelmässig mit neuen Daten weiterentwickeln. Perseguers war drittens zuversichtlich, dass die Abstimmungsprognosen auf Interesse stossen und somit einen Zweck haben würden. Womit er richtig lag. Er hat sich eine kleine Followerschaft aus Politikerinnen und Journalisten aufgebaut. Und: Die Schweiz als politisch und gesellschaftlich stabiles Land eignet sich bestens als Trainingsfeld für das Modell.

«Einfach ein Hobby»

Ein solches Modell lässt sich am besten mit einer «Blackbox» veranschaulichen. Man gibt verschiedene Daten in eine Box, schüttelt sie, und raus kommt ein Wert für ein wahrscheinliches Ergebnis ebenso wie ein Wert für die Unsicherheit des Modells. In der Box befindet sich ein Algorithmus, bestehend aus mathematischen und statistischen Werkzeugen, der die Daten kombiniert, gewichtet und auswertet. Was darin wirklich passiert, ist aber schwer oder gar nicht nachvollziehbar.

Perseguers füttert seinem Modell nebst den historischen Statistikdaten auch jeweils die GFS- und Tamedia-Umfragen sowie den Abstimmungsmonitor der Universität Zürich. Am Schluss wisse das Modell: Es ist eine Initiative, sie stammt von der SVP, das sagen die Befürworter, das die Gegner, das sagen National-, Stände-, und Bundesrat, so entwickeln sich die Umfragen, so berichten die Medien, so hoch sind die Kampagnenbudgets.

«Letztendlich ist das einfach ein Hobby», sagt Perseguers. «Mich interessiert vor allem die wissenschaftliche Herausforderung.» Er gehe zwar immer Wählen und Abstimmen, verstehe sich aber nicht als politisch aktive Person mit Interessenbindung und Agenda. Natürlich müsse er etwas von Politik verstehen. «Letztendlich will ich aber einfach gute Wissenschaft machen», sagt er. «Gibt es ein Nein, freue ich mich nicht aus politischem Interesse, sondern weil mein Modell richtig lag.»

Publiziert am 7. Juni 2026 in den Zeitungen von CH Media.